Peter Elze – ein Leben mit und für die Worpsweder Kunst

Es sind nur wenige Persönlichkeiten, die den Verein der „Freunde Worpswedes“ nachhaltig geprägt haben: Heinrich Vogeler als Gründungsmitglied, Hans Hubert als langjähriger Fremdenverkehrs-Beauftragter, das Ehepaar Netzel und Peter Elze. Elze, der noch zu Lebzeiten zum bisher einzigen Ehrenvorsitzenden des 1903 gegründeten Vereins gewählt wurde, ist am 4. Dezember 2025 im Alter von 89 Jahren gestorben. In der Trauerfeier am 7. Januar 2026 haben auf Elzes Wunsch seine langjährigen Freunde und Vertrauten Bernd Stenzig und Peter Groth die Trauerreden gehalten. In diesen Worten zum Abschied wurden der Lebensweg und die Persönlichkeit des Verstorbenen gewürdigt. Nachfolgend dokumentieren wir diese Reden.  

Liebe Trauergemeinde!

Wir nehmen heute Abschied von Peter Elze. Peter Elze wurde am 20. Juli 1936 in Dessau geboren und ist am 4. Dezember 2025 im Alter von 89 Jahren in Lilienthal gestorben. Er hinterlässt seinen Sohn Karsten mit dessen Familie und seinen Bruder Reinhart mit dessen Familie. Seine Frau Ruth war ihm schon im April 2009 vorangegangen.

Peter Elzes Lebenswerk ist gewaltig und unlöslich mit Worpswede verbunden. Seine Verdienste um die Erschließung und Vermittlung der Worpsweder Kunst- und Kulturgeschichte sind einzigartig. Seine Mitwirkung beim Erhalt und bei der Wiederbelebung von Baudenkmälern in Worpswede ist nicht wegzudenken. Peter Elze hat als Archivar der Barkenhoff-Stiftung in den Jahren 1981 bis 2000 allein auf dem Barkenhoff über vierzig anspruchsvolle Ausstellungen konzipiert und realisiert. In seinem erfolgreichen, kompromisslos auf erste Qualität setzenden „Worpsweder Verlag“ sind von 1977 bis 2002 rund fünfzig Bücher, mehr als vierzig Katalogbücher und Kataloge, etliche Begleitschriften zu Ausstellungen und mehr als zwanzig Kunstmappen erschienen. Als Mitglied des Vorstands des Vereins „Freunde Worpswedes“ ab 1976 wirkte er mit bei den Bemühungen um die Rettung des Barkenhoff , bei dem Einsatz für die Worpsweder Mühle, bei der Instandsetzung des von Vogeler entworfenen, vom Verein langfristig gepachteten Worpsweder Bahnhofs. 1994 wurde er nach dem Tod von Fritz Netzel erster Vorsitzender des Vereins und initiierte und leitete dessen größtes Vorhaben, den Kauf und die Restaurierung der „Käseglocke“ in der Worpsweder Marcusheide.

Peter Elze vor „seiner“ Käseglocke, 2006
Foto: unbekannt

Als all dies in den siebziger Jahren begann, war Peter Elze gut darauf vorbereitet. Denn in der Rückschau erweisen sich die prägenden Erfahrungen und beruflichen Stationen davor als traumwandlerisch sichere Vorbereitung auf sein eigentliches Lebenswerk, als geheimer Kurs auf ein Ziel, das ihm noch gar nicht bewusst sein konnte. Der Vater Karl Elze, Zeitungsredakteur und von den Nazis aus seiner Stellung verdrängter „gebürtiger Sozialdemokrat“, hat früh seine Begeisterung für Kunst und Malerei geweckt. Und früh hat der Schüler Peter Elze auch eine prophetische Ermutigung erfahren. Nach den Repressionen, denen der eingefleischte Sozialdemokrat und einmal mehr kaltgestellte Redakteur Karl Elze in der Sowjetischen Besatzungszone ausgesetzt war, war die Famile 1947 von Dessau nach Hameln übergesiedelt. Hier stellt der Schüler Peter Elze 1950 sein – wenn man so will – erstes Buch her und erfährt entscheidende Anerkennung und Förderung durch seinen Klassenlehrer Heinrich Fischer. In der Jahresarbeit von Peter Elze über die Bauten an der Weser, die von der Stadt Hameln ausgezeichnet wird, sieht der Lehrer „die Verbindung von Text vorzüglich gelungen“, eine „entschiedene Begabung für das Bildhafte“ und „den zukünftigen Beruf des Verfassers angedeutet“.

Zwischen dieser Andeutung und dem ersten richtigen eigenen Buch liegen Lehrjahre. Lehrjahre als Drucker, die Ausbildung zum Fotografen, die Tätigkeit als Fotojournalist bei der „Cuxhavener Presse“ und als Theaterfotograf beim Cuxhavener Schauspiel und schließlich ab 1960 die Karriere beim SPD-eigenen Bremer Druck- und Verlagshaus H. J. Schmalfeldt. Bei Schmalfeldt steigt Peter Elze schnell zum Leiter der Druckabteilung auf. Aber bestimmender für seinen Weg wird seine Verantwortlichkeit für die von Schmalfedt erworbene Gartenzeitschrift. Hier ist er Verlagsleiter, Redakteur, Anzeigen- und Vertriebsleiter und kann die Auflage der Zeitschrift in acht Jahren von 30000 auf 150000 steigern.

Begeistert für Kunst und Malerei, begabt mit einem außerordentlichen Sinn für die Verbindung von Text und Bild, gelernter Drucker und Fotograf, Fotojournalist, erfolgreicher Zeitschriften-Redakteur. Jetzt kam es darauf an, ob Peter Elze den Boden finden würde, der seine Talente und Fähigkeiten zu voller Geltung bringen würde. Ob er eine Herzensangelegenheit finden würde, in deren Dienst er seine Talente und Fähigkeiten stellen kann. Dieser Boden und diese Herzensangelegenheit findet sich und heißt Worpswede.

Die Annäherung erfolgt in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre. Peter und Ruth Elze ziehen im 1965 von Bremen nach Worphausen um, in das Haus Lüninghauser Straße 54, das früher die einklassige Grundschule von Lüninghausen beherbergte. Die Herrichtung des stark verfallenen Hauses und des verwilderten Gartens, überwiegend in Eigenarbeit, ist beim Einzug erst halb bewerkstelligt. Das Haus, in dem auch der 1967 geborene Sohn Karsten aufwächst, wird zur bleibenden Heimstatt der Elzes.

In diese Jahre fällt auch die Bekanntschaft und schnell auch Freundschaft mit Worpswedern, die eine wichtige Rolle bei Peter Elzes Zugang zur Worpsweder Kunst spielen – mit Ulla Köhler (Große Kunstschau), Hans-Herman Rief (Haus im Schluh), dem Künstlerehepaar Eva und Martin Kausche und Fritz Netzel (Worpsweder Kunsthalle). Man tut den anderen Genannten wohl kein Unrecht, wenn man die Bedeutung von Hans-Herman Rief, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Haus im Schluh das Worpsweder Archiv gegründet und dann als Privatarchiv betreut hat, für Peter Elzes Vertrautwerden mit der Worpsweder Kunst- und Kulturgeschichte besonders hervorhebt. Auf die Verbindung von Peter Elze mit Hans-Herman Rief wird später auch die Vereinbarung mit den Vogeler-Erben zurückgehen, das Worpsweder Archiv nach und nach in die Barkenhoff-Stiftung einzubringen.

1977 gibt Peter Elze die Stelle im Bremer Druck- und Verlagshaus auf und gründet mit kleinem Kapital den „Worpsweder Verlag“ in Lilienthal, Ortsteil Worphausen. Sitz des Verlags wird das dem Wohnhaus benachbarte Haus seiner Eltern Karl und Anny Elze, Alten Eichen 2. Der Bruder Reinhart Elze lebt mit seiner Familie ein Haus weiter, Alten Eichen 2 A. Damit wohnt das gesamte Personal des Verlags in Rufnähe beieinander. Reinhart Elze ist gelernter Schriftsetzer und Reprotechniker. Er ist bei der langjährigen Hausdruckerei des Verlags beschäftigt und versieht nebenbei sämtliche Repro- und Montagearbeiten in der verlagseigenen Werkstatt. Der Ruheständler Karl Elze ist der wichtigste Ratgeber und verantwortlich für die Buchhaltung, die nach seinem plötzlichenTod im Dezember 1985 Ruth Elze übernimmt. Dazu kommt 1995 für drei Jahre Karsten Elze, der die Computerarbeiten ausführt und seinen Vater in die neuen Techniken einweist. Damit kann die gesamte Erstellung der Druckvorstufe einschließlich der Bildbearbeitung im eigenen Haus erfolgen. Die Aufzählung der Säulen des Verlags wäre unvollständig, wenn nicht auch Hans Ganten angeführt würde, auf dessen freundschaftlichen juristischen Beistand Peter Elze immer rechnen konnte.

Der „Worpsweder Verlag“ ist mit seinem zuerst kleinen, dann schrittweise ausgebauten und thematisch erweiterten Programm auf Anhieb erfolgreich. In den ersten beiden Jahren beschränkt sich der Verlag im Wesentlichen auf Kunstmappen mit Reproduktionen der alten Worpsweder. Schon diese Kunstmappen zeigen, woran dem Verleger Peter Elze bei seinen Produkten immer gelegen sein wird: an einer hochwertigen Bild- und Druckqualität in Verbindung mit erstrangigen erläuternden Texten. Nie findet er sein Genügen darin, nur seine außerordentlichen Kompetenzen als Hersteller auszuspielen, stets soll auch das sachkundige Wort dazukommen. Für die ersten Kunstmappen gewinnt Peter Elze als Autoren Heinrich Wiegand Petzet, Wolfgang Werner, Walter Kempowski, Hans-Heinz Stuckenschmidt und das „Worpsweder Archiv“, hinter dem sich in typischer Dezenz Hans-Herman Rief verbirgt. Das erste richtige Buch, eine der frühesten Darstellungen der alten Worpsweder, bedeutet dann 1979 zugleich den Beginn der langen Zusammenarbeit mit dem Buchgestalter Hartmut Brückner. Er wird das Gesicht des Verlags nachhaltig mitprägen.

Am Anfang auf dem Wege zu einem Buch im „Worpsweder Verlag“ oder zu einer von Peter Elze eingerichteten Ausstellung steht eine Idee, meist seine Idee, die er schon lange mit sich herumträgt. Manchmal auch die Idee eines anderen, die ihm einleuchtet. Zur Reife gelangt diese Idee dann im Austausch mit Vertrauten wie Bernd Küster, dem produktivsten Autor des Verlags, später auch mit Birgit Nachtwey oder Peter Groth. Bei der Realisierung zieht Peter Elze bevorzugt Leute heran, die er kennt oder die ihm von Bekannten nahegebracht werden. Eine persönliche Beziehung zieht die nächste und diese wieder die nächste nach sich. Im Laufe der Jahre nehmen so mehr als sechzig Autorinnnen und Autoren, Bearbeiterinnen und Bearbeiter, Herausgeberinnen und Herausgeber im Wohnzimmer in der Lüninghuser Straße oder im Verlagsbüro Alten Eichen Platz. Da zeigt sich dann auch wohl jedes Mal, dass er egal zu welchem Thema, schon selbst der unermüdlichste Rechercheur und erfolgreichste Beschaffer von Material gewesen ist.

Denn Peter Elze ist mit unvergleichlicher Beharrlichkeit jeden noch so entlegenen Weg gegangen um zusammenzutragen, was irgend Bezug zur Worpsweder Kunst- und Kulturgeschichte hat und Aufschluss darüber geben kann. Er hat Archive bis nach Petrosawodsk in Karelien bereist und alte Aufzeichnugen, Landkarten, Fotoalben, Bücher und Zeitungen genauestens studiert.

Und er hat – in seiner glücklichsten Rolle – das Vertrauen von Zeitzeugen gewonnen, die ihm Einblick in ihre Erinnerungen gegeben haben. Was wüssten wir über die Arbeitsweise in Hoetgers Metallwerkstatt, wenn Peter Elze nicht die hochbetagte Metallbildnerin Lotte Heidelbach ausfindig gemacht, nach Worpswede gebracht und dazu befragt hätte. Denn es ist von dem Glücksfall zu berichten, dass er derartige Erinnerungen nicht nur aufgesogen hat wie der sprichwörtliche Schwamm. Er hat ihnen in seinen Büchern und Katalogbüchern auch bleibende Form gegeben. Das Erzählte ist flüchtig, zu Papier gebracht ist es potentiell ewig.

Peter Elze hat die alten Worpsweder und auch vorübergehend sich hier Aufhaltende wie Otto Ubbelohde und Oskar Zwintscher mustergültig ausgestellt und darauf bezügliche Schriften angeregt. Aber sein eigenstes Verdienst ist wohl die Wiederentdeckung der Malerin Ottilie Reylaender und die Vergegenwärtigung vorher kaum erschlossener Werksegmente und Lebensstationen von Heinrich Vogeler.

Den Nachlass von Ottilie Reylander, nach dem vorher keiner gefragt hatte, obwohl sie vor ihrer Übersiedlung nach Mexiko im Jahr 1910 als Worpsweder Malerin zu Ansehen gelangt ist, hat Peter Elze in Berlin gefunden, in Worpswede ausgestellt und damit ihre Anerkennung als eine der Wegbereiterinnen der Moderne in Deutschland eingeleitet.

Aus der Beschäftigung mit Vogeler, die Niederschlag in einer fast unübersehbaren Fülle von ihm eingerichteter Ausstellungen in deutschen Museen und Kultureinrichtungen gefunden hat, ragt sein von Berührungsängsten freies Bemühen um den ‚ganzen‘ Vogeler hervor. Auf seinen Wunsch ist im noch geteilten Deutschland das Buch der DDR-Kunsthistorikerin Christine Hoffmeister über Vogelers Komplexbilder entstanden. Vogelers Kommune Barkenhoff und das Barkenhoff-Kinderheim der Roten Hilfe hat er mit der gleichen Selbstverständlichkeit herausgestellt wie das Frühwerk des Künnstlers. An dieser Stelle sei auch der beispiellose internationale Einsatz für Vogeler hervorgehoben. 1995 hat er im Moskauer Puschkin-Museum dessen Radierungen, Zeichnungen, Exlibris und Buchgrafik ausstellen können. Die Summe und den Höhepunkt seiner Tätigkeit als Ausstellungsmacher stellt dann im Jahr 2000 die Organisation und Gesamtleitung einer Ausstellung des ‚ganzen‘ Vogeler in Tokio und zwei weiteren japanischen Großstädten dar.

Auch den Autor Peter Elze, der nur zur Feder gegriffen hat, wenn ein Thema unweigerlich auf ihn zulief, hat das Werk von Vogeler herausgefordert. Sein kleiner Aufsatz über Vogelers Exlibris, wurde schon 1984 in der DDR nachgedruckt und ist ein gültiges Wort zum Thema geblieben. 1997 legt er mit dem kommentierten Verzeichnis von Vogelers Buchgrafik, das auf Vorarbeiten von Hans-Herman Rief beruht, das Ergebnis seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit diesem Gegenstand vor.

Ein besonderes Augenmerk von Peter Elze galt dem Worpsweder Expressionismus der Zwanziger Jahre und überhaupt der Kunst und dem Kunsthandwerk der Zweiten Generation – von ihm jahrelang aufgearbeitet, 1989 im Überblick präsentiert in kongenialer Zusammenarbeit mit Bernd Küster, dies dann der Impuls für eine nachhaltige Aufwertung von Künstlern wie Willy Dammasch oder Alfred Kollmar. Ein besonders schönes Beispiel für die Sicherheit seines Urteils und seinen langen Atem ist seine Ausstellung und sein Buch mit expressionistischer Druckgraphik des von den Nationalsozialisten verdrängten deutsch-jüdischen Malers und Schriftstellers Karl Jakob Hirsch. Er hat den Graphiker Hirsch, der eine prominente Rolle als Worpsweder Beiträger in expressionistischen Zeitschriften gespielt hat, früh für sich entdeckt, jahrzehntelang aufgearbeitet und begründet mit der Ausstellung und dem Buch dessen neue Geltung auch als bildender Künstler.

Gelegentlich hat es den „Worpsweder Verlag“ auch auf Nebenwege verschlagen. Davon zeugt auch die Musik auf dieser Trauerfeier. Peter Elze hat sie noch selbst bestimmt. Es handelt sich um „Worpswede“, einen Liederzyklus des Neuromantikers Paul Scheinpflug nach Gedichten von Franz Diederich. Als das Stück 1903 entstand, war Paul Scheinpflug Konzertmeister des Bremer Städtischen Orchesters, Franz Diederich leitender Redakteur der sozialdemokratischen „Bremer Bürger-Zeitung“ und reichsweit einer der führenden Parteijournalisten. Im Zyklus „Worpswede“ geht Scheinpflugs damals äußerst progressive Tonsprache eine eigentümliche und reizvolle Verbindung mit der konventionellen Naturlyrik von Diederich ein, eine Verbindung, die wohl den Siegeszug des Werks durch die Konzertsäle Europas begründet hat. Danach war „Worpswede“ verschwunden. Bis Peter Elze kam. Zu ihm, dem Sammler und Archivar, war auf verschlungenen Wegen wie so vieles eine Kassette mit einer Aufnahme von „Worpswede“ in der Hamburger Musikhochschule gelangt. Sie nimmt ihn trotz der schlichten Tonqualtät gefangen. 1982 organisiert er für die „Freunde Worpswedes“ die erste Neuaufführung, 1987 produziert er eine professionelle Aufnahme, die als Schallplatte im „Worpsweder Verlag“ erscheint. Wir haben eingangs von dieser Schallplatte das instrumentale Vorspiel gehört und hören jetzt ein Lied aus dem Zyklus.

Bernd Stenzig

Liebe Trauergemeinde,
liebe Freundinnen und Freunde Peter Elzes,
liebe Familie,

wen, ja wen sollen wir zukünftig fragen? Fragen nach der Bedeutung und der Echtheit eines Leuchters von Willy Ohler? Fragen nach Lotte Heidelbach, der Metallwerkerin aus den Worpsweder Kunsthütten? Nach den elf handgeschnitzten Puppen von Walter Niemann, die uns angeboten wurden, oder nach dem Wert und der Herkunft der Malpalette von Paula Modersohn-Becker im Besitz der Freunde Worpswedes?
Wir Freunde von Peter Elze konnten uns bisher auf sein in Jahrzehnten gereiftes Urteil verlassen. Selten, dass er mal passen musste und an eine andere fachkundige Person verwies. Sein Interesse und seine Neugierde in Bezug auf die Worpsweder Kunst und Kultur der vergangenen 150 Jahre war schier grenzenlos. Bernd Stenzig hat eben diesen Lebensweg anschaulich geschildert.
Ich möchte jetzt auf die Persönlichkeit Peter Elzes eingehen, wie ich sie seit einem halben Jahrhundert erlebt habe, wie hoffentlich viele von uns ihn erlebt haben.
Peter war unprätentiös, legte auf Äußerlichkeiten keinen besonderen Wert. Er war beharrlich in einem Ausmaß, dass beinahe schon an Dickköpfigkeit grenzte. Alles Spirituelle wie etwa auch eine religiös geprägte Geisteshaltung war ihm fremd. Er war konsequent sozialdemokratisch, verkörperte den Typus des eher nicht so progressiven Parteimitglieds. Wer ihm in seine Lebensweise reinreden wollte, wer seine Qualitätsansprüche konterkarierte, der hatte schon verloren. Darüber sind persönliche Beziehungen zerbrochen. Man musste ihn so nehmen wie er war. Was er anpackte, das zog er durch. Unerbittlich, konsequent und mit einem weiten Herzen in dem Sinne, dass er sich für keine Arbeit zu schade war. Seine Hilfsbereitschaft, sein Engagement kannte kaum Grenzen.

An der Hamme
Foto: unbekannt

Ich nenne Ihnen und Euch nur drei Beispiele: Von 1981 bis 2000 betreute er das Worpsweder Archiv im Barkenhoff. Er war nicht nur Archivar mit einer sensationell niedrigen Entlohnung von wenigen 100 Mark brutto. Er war auch künstlerischer Leiter, für die Ausstellungen, für wissenschaftliche Anfragen zuständig und er war Hausmeister des Barkenhoff – ehrenamtlich.
Wenn er in den Anfangsjahren eine Ausstellung kuratierte, dann sorgte er im damals noch nicht besonders gut gesicherten Barkenhoff persönlich durch Handanlegen dafür, dass abends die Bilder von der Wand genommen wurden und sicher im Keller gelagert wurden – und morgens für das Publikum wieder an ihren Platz zurückkehrten. Wenn es nachts Alarm gab, dann war er ruckzuck aus Worphausen zur Stelle.
Das von Hans Herman Rief aus dem Schluh übernommene Worpsweder Archiv hat er mit viel, viel Sachverstand nach seinem ganz eigenen System eingerichtet. Dass andere dieses System nicht verstanden, wollte ihm nicht in den Kopf. Mehr noch: Die Regeln der Kreisverwaltung als Aufsichtsbehörde waren absolut nicht kompatibel mit Elzes Regeln – da gab es ständig Auseinandersetzungen. Peter litt darunter, wenn andere seinen unermüdlichen Einsatz nicht wahrnahmen und sich mit seiner Arbeit in der Öffentlichkeit schmückten. Konsequent wie er nun mal war, hat er nach seinem Ausscheiden als Archivar den Kontakt zum Worpsweder Archiv und zum Barkenhoff gemieden.
Allerdings pflegte er seit Mitte der 1970-ger Jahre ja auch noch ein paar andere Steckenpferde: Er half Gertrud Overbeck beim Aufbau der Overbeck-Stiftung und unterstützte Fritz Netzel und Susanna Böhme-Netzel bei der Gründung ihrer Stiftung und später dann in deren Kuratorium. Ich erwähne das hier nur kurz.
Sehr viel mehr Kraft, Zeit und materielle Unterstützung steckte er in die Projekte der „Freunde Worpswedes“, deren Vorstand er ununterbrochen seit 1976 angehörte, davon zehn Jahre ab 1994 als Vorsitzender und bis zuletzt als Ehrenvorsitzender. Alle großen Vorhaben der „Freunde“ in dieser Zeit sind ohne Peter Elze nicht denkbar gewesen – Bernd Stenzig hat es eben schon angedeutet. Die Mühle, die ungemein aufwändige Sanierung des Worpsweder Bahnhofs, schon früher die Sanierung des Barkenhoffs und letztlich die Käseglocke, die in diesem Jahr 100 Jahre besteht. Peter hätte dieses Jubiläum gerne miterlebt, er wusste im Detail um unsere Planungen.
Die Käseglocke ist für mich beispielhaft dafür, was Worpswede diesem „Freund“ zu verdanken hat. Er hat die Kaufverhandlungen geführt, er hat die Drittmittel beim Land Niedersachsen und bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz besorgt. Elze hat die Sammlung Worpsweder Kunsthandwerks zusammengeführt, seine guten Kontakte genutzt und viel privates Geld in dieses kleine Museum gesteckt. Er unterstützte die aufwändige Sanierung zwischen 1994 und 2001 mit sehr praktischen Dienstleistungen. Er war der Ansprechpartner für Handwerker und andere Fachleute, er fuhr schnell mal in die Baumärkte, wenn Schrauben, Kabel und anderes Material fehlten. Er schlug nachts in der Käseglocke sein Lager auf, weil die Alarmanlagen noch nicht richtig installiert waren. Er verkaufte dann nach Eröffnung des Museums Eintrittskarten und Postkarten, wenn eine der ehrenamtlichen Aufsichten krankheitsbedingt ausfiel. Später hat er dann mit Unterstützung von Bärbel Molenda den Bestand der Käseglocke inventarisiert und auf dem Portal Kulturerbe Niedersachsen veröffentlicht.
Peter war im Grunde Mädchen für alles – aus tiefer Überzeugung, dass sein ganzheitlicher Ansatz der Richtige war. Diese Haltung des „sich rundherum für eine Sache zu engagieren“ ist möglicherweise der Grund, dass man ihn – wie anfangs erwähnt – wirklich alles fragen konnte.
Peter Elze – der Alleinunterhalter, um es einmal frozzelig und unangemessen zu beschreiben?
Natürlich stimmt das nicht, wie viele hier im Raum wissen. Es gab in seinem Leben und im Leben seiner 2009 verstorbenen Frau Ruth tiefe Freundschaften. Garantiert vergesse ich jemanden, aber einige Persönlichkeiten möchte ich wie eben schon mein Vorredner nennen: Das sind Ulla Köhler und Hans Herman Rief, von deren Wissen Peter ungemein profitierte. Das sind Eva und Martin Kausche, Fritz Netzel und Susanna Böhme-Netzel. Dazu zählen Hans Ganten, Bernd Küster und Bernd Stenzig. Die einige Jahre im Verlag tätige Birgit Nachtwey und Katharina Groth, die sich beide mit großer Expertise bemühten, Schneisen der Ordnung in den für Außenstehende unübersichtlichen Besitz zu schlagen. Dazu zählen die Blumenfrau Ruth Nuglisch, die Scabells, seine Mieterin Karin Borchers, die Molendas, Haushälterin Jola Ullrich und Pflegerin Nadine Ullrich, die sein eingeschränktes Leben gemeinsam mit Susanna Böhme-Netzel bis zuletzt lebenswert gestalteten. Und dazu zählen Künstler wie Willy Dammasch und Tüt Rohde, die wie Hans Herman Rief bis zuletzt von der großen Hilfsbereitschaft der Elzes profitierten. Wie sie haben unzählige Wissenschaftler, Autoren und Kunstsammler fachlich und menschlich von der Unterstützung gutgehabt. Wer Fotos oder Dokumente benötigte, der war bei Peter richtig.
Ist nun alles gesagt? Natürlich nicht – in fast 90 Jahren ist viel mehr passiert. 1959 schoss er nach der Rückkehr aus den USA in Cuxhaven das letzte Foto von George Grosz vor dessen Tod. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit hat er die Vogeler-Expertin Christine Hoffmeister aus der Leitung der DDR-Nationalgalerie als Autorin für seinen Verlag gewonnen und dem Zeichner Werner Schinko noch zu DDR-Zeiten ein Stipendium in Worpswede verschafft. Wenn ihn der große Theaterkritiker Friedrich Luft einmal nach der Veröffentlichung eines Buches über den Schauspieler Bernhard Minetti als den „wahrlich“ einzigen weißen Raben unter den heutigen Buchherstellern pries, dann sagt das etwas aus über den auch von uns so geschätzten Peter Elze.
Es sagt jedoch noch nichts über den ganz eigenen Humor Peters. Jola Ullrich und ich, denen er 2024 eine Generalvollmacht für die Zeit vor und nach dem Tod erteilte, haben in dem umfangreichen Papier ein, zwei Beispiele für Peters Witz gefunden. In diesem notariell verfassten Dokument lesen wir, dass er großen Wert darauflegt, dass er weiterhin rauchen kann und bei Edeka Winkler so eingekauft wird, dass er auch weiterhin mal einen Schnaps trinken kann. Geraucht hat er bis zum Schluss, den Wodka hat er lange nicht mehr angerührt. Und auch für die Beerdigung traf er zahlreiche Festlegungen. Eine möchte ich hier zum Schluss, bevor wir nach einem letzten Lied von Paul Scheinpflug Peter auf seinem letzten Weg begleiten, zitieren:
„Meine Urne soll schlicht gehalten sein, ich wünsche ausdrücklich nichts Künstlerisches. Frei nach dem Motto: Wenn ich dereinst mal sterbe, tu meine Asche nicht in Kunstgewerbe.“
Peter hat sich gewünscht, dass wir nach dieser Trauerfeier an einem schönen Ort eine ordentliche Tasse Kaffee bekommen. Der schöne Ort, das ist der Buchenhof von Jochen Semken, in dem er seine Geburtstage gefeiert hat.

Peter Groth

Ursula Köhler, Geschäftsführerin der Großen Kunstschau, und Peter Elze, ca. 1980 
Foto: Erwin Duwe